Auswendiglernen

veröffentlicht am 12.05.2011 | 0 Kommentare

Wir haben es alle irgendwann einmal durchgemacht: sinnloses Auswendiglernen von Folien, Definitionen, Formeln oder Programmcodes, um eine Prüfung zu bestehen.

In solchen Situationen fragt man sich „Wieso muss ich diesen $!%& auswendig lernen? Das meiste brauche ich sowieso nie wieder im Leben. Und falls ich es mal doch brauche, schlage ich es im Internet nach!“.

Das Internet hat uns sehr verwöhnt. Wir bekommen innerhalb von Sekundenbruchteilen Referenzen und Erklärungen für Befehle, Definitionen oder Fachbegriffe. Es erscheint sinnlos zu lernen, was im Internet auffindbar ist.

Assoziationen

So einfach ist es dann leider doch nicht. Unser Gehirn arbeitet und erinnert sich über Assoziationen. Haben wir schon einmal etwas gehört, so können wir uns bei Gelegenheit daran erinnern. Wir wissen noch vage, dass es mehr gab, als das woran wir uns jetzt noch erinnern. Wir schlagen nach und frischen unser Gedächtnis auf.

Haben wir jedoch von etwas noch nie gehört, werden wir mit Sicherheit nicht danach suchen. Wir assoziieren unser Problem mit den uns (im Gedächtnis) zur Verfügung stehenden Ansätzen, die wir bei Bedarf per Recherche vertiefen.

Ein Beispiel: Ich saß während meines Studiums in einer Mathematik Übung. Dort sollte eine Gleichung umgeformt werden. Die eine Seite sah bereits sehr nach einer bekannten Formel aus. Es fehlte jedoch ein Summand. Alle Umformungen und Formeln halfen nicht weiter. Die meisten im Kurs waren mit ihrem Latein bereits am Ende, als plötzlich ein Student eine Idee hatte: Man könne sich mit einer nahrhaften Null] das fehlende Element „herbeizaubern“. (Dabei wird das gewünschte Element einfach „erfunden“ und auf der gewünschten Seite der Gleichung hinzugefügt. Gleichzeitig muss es dann aber auch auf der anderen Seite der Gleichung hinzugefügt werden, damit sie ihre Gültigkeit behält.) Er kannte dieses Prinzip aus einem Lösungsansatz für binomische Formeln. Die anderen kannten zwar unzählige Umformungen. Aber sie wären wahrscheinlich noch sehr lange nicht auf eine Lösung gekommen. Es hätte auch nicht geholfen, wenn sie im Internet nach der Gleichung gesucht hätten. Sie wären nicht auf die Idee gekommen nach „nahrhafte Null“ zu suchen, weil sie es noch nie gehört oder gesehen haben.

Futter fürs Gehirn

Es ist wichtig viel gesehen und kennengelernt zu haben. Am besten, wenn man es auch noch selbst anwenden und anpassen musste. Das erhöht die Anzahl der Kombinationsmöglichkeiten, die man später erkennt und abrufen kann.

Aus diesem Grund ist es schon sinnvoll ganze Listen von Befehlen bei Programmierkursen, Unmengen von Molekülen in der Chemie oder Massen von Umformungen und Sätzen in der Mathematik gesehen zu haben.

Die Lehrkräfte sollen bitte weiterhin möglichst viel Unterschiedliches vermitteln!

Bei den meisten Lehrkräften besteht aber der Trugschluss, man müsse auch alles abfragen, was vermittelt wurde.

Das führt dazu, dass Generationen von Schülern und Studenten diese Aufzählungen und Listen quälend auswendig lernen müssen. Das ist kein Hirn-gerechtes lernen.

Zwang oder Chance?

Fragt man nach, wieso überhaupt so etwas auswendig zu lernen ist, so bekommt man ähnliche Antworten. Es heißt man müsse ja androhen zu prüfen, was man vermittelt, da andernfalls die Schüler gar nicht erst zuhören würden. – Das halte ich für die falsche Herangehensweise. Natürlich ist eine Lehrkraft kein Unterhaltungsprogramm für gelangweilte Schüler. Aber die sind nicht von Natur aus gelangweilt.

Viele vergessen einfach den Schülern die Anwendbarkeit der Information zu vermitteln – bevor sie ihnen die Information aufzwängen. Unser Gehirn filtert automatisch Informationen heraus, die uns nicht betreffen oder uns als nicht relevant erscheinen. Nur so können wir Menschen uns durch eine komplexe Umwelt bewegen, ohne von Informationen erschlagen zu werden.

Es ist wichtig zuerst eine mögliche plausible Situation aufzuzeigen, in der man sich später einmal wiederfinden könnte, in der man ohne das Wissen nicht weiter wüsste. Sobald sich die Schüler/Studenten dies vorstellen können, kann man die Informationen vermitteln. Auf diese Weise erhöht man die Aufmerksamkeit und das Interesse – und überwindet den Relevanz-Filter der Schüler.

Anwendbarkeit

Neben Massen von Tatsachen und Zusammenhängen sollte auch ein Verständnis der Materie vermittelt werden. Die Studenten, Azubis oder Schüler sollten befähigt werden mit dem gelernten umzugehen. Daher ist es wichtig die Anwendung vorzuführen. Entweder durch eine Beispielhafte Vorführung – besser noch: in dem die Lehrlinge selbst üben dürfen. Die Phantasie muss angeregt werden. Man sollte sich überlegen, was damit alles möglich ist. Das schafft zahlreiche Assoziationen und maximiert die Nutzbarkeit für später.

Am Beispiel konkretisiert: Es genügt nicht ein Haufen Legosteine einzeln vorzuführen. Es ist wichtig zu zeigen, dass man damit Schiffe, Burgen oder Raumschiffe bauen kann und wie sowas aussehen könnte. Wenn dann auch noch selbst Hand angelegt werden kann, bleibt viel im Gedächtnis hängen, dass genutzt werden kann.

Sinnvoll prüfen

Wozu überhaupt prüfen?
Um zu beweisen, dass man in der Lage ist 400 Seiten auswendig zu lernen? Wohl kaum! Um jene zu bestrafen, die sich öfter den verbalen Folterstunden eines Folienvorlesers entzogen haben? Ich hoffe nicht!

Eigentlich könnte es einer Lehranstalt egal sein, ob der Student den angebotenen „Dienst“ nutzt, den er bezahlt. Das Wissen und die Anwendbarkeit wurden vermittelt. Man könnte hier aufhören und die Studenten entlassen.

Aber sowohl die Universität (besorgt um ihr Image) als auch der Staat (in freudiger Erwartung künftiger Steuern) sind daran interessiert, dass Stunden nach dem Abschluss gut ausgebildet sind und in der Lage sind viel zu leisten.

Eine bestandene Prüfung ist eine Auszeichnung des Studenten. Sie ist Anreiz und Abschreckung zugleich. Sie ist eine Art Zertifikat, mit der ein Student beweist, Ahnung von der Materie zu haben und damit umgehen zu können. (Vor allem zukünftige Arbeitgeber möchten sich gerne darauf verlassen können, dass so ein Abschluss oder Zertifikat für die vorhandene Fähigkeit steht.)

Eine Prüfung sollte also eher prüfen, ob der Lernende in der Lage ist das Gelernte auf Probleme anwenden zu können, als die Qualität seines Kurzzeitgedächtnisses auf die Probe zu stellen.

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Über mich

Mein Name ist Alexander Szabó und ich bin Autor dieses Blog. Ich bin passionierter Systemarchitekt, Entwickler, Erfinder und Weltverbesserer.